Statement zum Feministischen Streik 2026
- Marxistische Aktion Schweiz
- 9. Juni
- 6 Min. Lesezeit
Der diesjährige feministische Streik findet vor dem Hintergrund einer internationalen Entwicklung statt, welche die soziale Unterdrückung von Frauen, Intersex, Non-Binären, trans und ageschlechtlichen Personen (FINTAs) verschärft. Der Rechtsruck in Politik und Gesellschaft, die Intensivierung reaktionärer, antifeministischer Propaganda, der Angriff auf Reproduktionsrechte und Gesundheitsversorgung (speziell von Transpersonen) und nicht zuletzt die Zunahme von Femiziden sind nur einige Auswirkungen davon.
Im Windschatten der Agenda des Rechtspopulismus, welcher in der SVP schon seit Jahrzehnten vorherrscht aber in allen bürgerlichen Parteien prominente Exponent:innen hat, nährt sich auch in der Schweiz eine militante und faschistoide Rechte, welche die Entrechtung und Unsichtbarkeit von TINAs anstrebt und zentrale Rechte für Frauen aufheben will. Maskulinistische Ideologien wie jene der Andrew Tates, welche Frauen mindestens entmündigen, gewinnen besonders unter jungen Männern an Einfluss. Skandale sexueller Gewalt von Pelicot bis Epstein zeigen die Spitze einer systematischen Gewalt gegen FINTAs, welche schon seit einem Jahrzehnten international in Frauenstreiks, Ni-Una-Menos Demos und feministischen Mobisierungen bekämpft wird und die arbeitenden Frauen der ganzen Welt betrifft.
Der 14. Juni beweist sich in der Schweiz als wichtiger Kampftag und Anknüpfungspunkt, wenn es um den Kampf gegen diese Phänomene und für die soziale Befreiung von FINTAs und der gesamten Arbeiter:innenklasse geht. Es ist damit Essentiell, diese Bewegung zu unterstützen. Wohin geht die Bewegung? Was ist ihr strategischer Fokus?
Care Streik 2027
Der Care Streik am 14. Juni 2027 wird schon länger geplant und soll an verschiedenen Orten, wo Care Arbeit geleistet wird, einen kollektiven Streik organisieren; Spitäler, Schulen, Reinigungsdienste etc. Seit 2019 bezeichnet der feministische “Streik” letztlich verschiedene Protestformen - meistens Demoumzüge - welche am 14. Juni durchgeführt werden. Es ging primär um Sichtbarkeit und breite Mobilisierung. Ein überregionales Netzwerk möchte in Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften auch die klassische Bedeutung des Streiks zurückbringen: die Arbeitsniederlegung. Dadurch kann Care Arbeit nicht nur Sichtbar gemacht werden; die Arbeiter:innen in diesem Sektor können sich organisieren, gemeinsam Kämpfen und ihre Interessen gegen die Chefs und den Staat verteidigen. Ein solcher Arbeitskampf könnte nicht nur die Bedingungen im “Care Sektor” verbessern, sondern auch einen militanten Anknüpfungspunkt für die Arbeiter:innenbewegung und die sozialen Bewegungen bieten.
Kampf gegen Unterdrückung
Auch gegen die Unterdrückung und die Mehrfachbelastung von FINTAs durch “unbezahlte Care Arbeit” muss angekämpft werden. Private Reproduktionsarbeit in der Familie oder dem Haushalt ist häufig ungleich aufgeteilt und bleibt aufgrund von hartnäckigen Geschlechterrollen an FINTAs hängen. Dies bezieht sich von Reinigungsarbeiten übers Kochen bis zum Pflegen von Kindern und Angehörigen. Gerade hier ist die Verknüpfung zum betrieblichen Kampf aber umso notwendiger: nur wenn es genügende und hochwertige öffentliche Dienstleistungen mit qualifizierten und gut-bezahlten Fachkräften gibt, können wir die Frage dieser Reproduktionsarbeit gesellschaftlich lösen. Ebenso muss der politische Kampf für die Rechte und den Schutz von FINTA Personen vorangetrieben werden.
Doch all dies kann alleine die systemische Unterdrückung von FINTAs nicht aufheben. Deshalb sollten die Forderungen des Care Streiks nicht nur bei Minimalanforderungen stehen bleiben. Höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen sind ein Grundinteresse der Arbeiter:innen und eine Priorität in einer Krise der sozialen Reproduktion. Doch die Arbeiter:innen in der Pflege müssen sich nicht nur bessere Bedingungen und evt. ein bisschen mehr Mitsprache erkämpfen. Sie sollten sich in Komitees organisieren, welche Übergangsforderungen aufstellen; Einsicht in die Geschäftsbücher ihrer Betriebe, automatische Lohnanpassung und -erhöhung etc., um den Kampf um Arbeiter:innenmacht voranzutreiben. Folgende zentrale Forderungen schlagen wir vor:
1. Das “Entlastungspaket 27”, ein massives Sparprogramm, welches Staatsausgaben u.a. für Soziales kürzt, sodass der Bundesrat beim Militär aufrüsten kann, wird in der kommenden Umsetzung ein zentrales Terrain des Klassenkampfes. Durch die Schwächung sozialer Errungenschaften werden immer zuerst mehrfach marginalisierte und unterdrückte Menschen getroffen, also auch FINTAs. Nachdem die reformistischen Parteien sich kampflos ergeben haben, liegt es an den Arbeiter:innen selbst, welche in all ihren Bewegungen und Organisationen die Umsetzung der geplanten Massnahmen verhindern und ihren Rückzug fordern sollte.
2. Wir müssen die Erfolge an der Urne militant verteidigen. Die Umsetzung der Pflegeinitiative in den Händen des Bundesrat kann kein Fortschritt sein - wir müssen uns selber organisieren, um Druck auszuüben und letztlich die Macht zu erobern! Wir fordern, dass reproduktive Arbeit gesellschaftlich organisiert wird, anstatt in der Kernfamilie aufgeteilt zu werden. Wir wollen Komitees an den Arbeitsplätzen etablieren, welche die Arbeit der Kindererziehung (und andere reproduktive Arbeiten, welche in der Familieneinheit geschehen wie z. B. die Betreuung älterer Eltern oder kranker Verwandten) öffentlich, unter Kontrolle der Arbeiter:innenklasse organisieren.
3. Wir können uns weder auf wohlwollende Kapitalist:innen noch auf den Staat verlassen, um die lebenswichtige Arbeit, die hauptsächlich von mehrfach marginalisierten Menschen geleistet wird, angemessen zu würdigen und zu bewerten. Wir können das Problem auch nicht isoliert in der Familie lösen. Wenn patriarchale Strukturen einen systematischen Charakter haben, dann kann auch kein “guter” männlicher Partner alleine diese Unterdrückung aufheben. Um Raum für die reproduktive Arbeit zu schaffen, müssen wir die Arbeitszeit radikal verkürzen (7-Stundentag, 4 Tage die Woche) bei gleichbleibendem Lohn sowie eine Elternzeit fordern, welche FINTAs am Arbeitsplatz nicht diskriminiert. Nur der gemeinsame Kampf der Arbeiter:innenklasse gegen Kapitalismus und Staat kann diese Forderungen durchsetzen. Und nur unter einer demokratisch geplanten Wirtschaft kann reproduktive Arbeit und deren ungleiche Verteilung langfristig angegangen werden. Soziale und ökologische Krisen wie COVID oder der Klimawandel werden die Notwendigkeit reproduktiver Arbeit nur vergrößern. Wir müssen dafür kämpfen, dass diese Krisen nicht auf Frauen, queere Menschen und PoCs abgeschoben werden.
4. Es ist notwendig, dass alle Arbeiter:innen demokratisch entscheiden, welche Industrien wünschenswert für das Wohl aller sind und welche auf den Müllhaufen der Geschichte gehören. Wir wollen mehr reproduktive Arbeit besserer Qualität, was bedeutet: Etwas muss aufgegeben werden! Wir kümmern uns nicht um die Auto- oder Ölindustrie. Wir wollen keine fast fashion oder anderen Konsumwahn. Die Entscheidung darüber, welche Industrien am Leben erhalten werden sollen, muss demokratisch in Betriebs- und Stadtteilkomitees entschieden werden.
5. Wir wollen Delegierte von FINTAs der Arbeiter:innenklasse in Organen der Arbeiter:innenkontrolle, welche in allen Betrieben garantieren, dass Lohngleichheit besteht, mit selbst bestimmten Kriterien. FINTAs werden häufig schlechter bezahlt als Männer, ob aus Gründen von Diskriminierung oder wegen Teilzeitarbeit, um für ihre Familien zu sorgen. Arbeitende Frauen werden sich nichts sagen lassen von bürgerlichen Ökonom:innen, welche ihnen weismachen wollen, dass ihre Notlage ein gerechtes und rationales Produkt einer „gerechten“ und „rationalen“ Gesellschaft ist, welche sie unterdrückt. Im Gegenteil, arbeitende Frauen versuchen, die Gründe für ihr Mühsal zu verstehen, und entdecken die Irrationalität der Klassengesellschaft und ihrer patriarchalen Auswüchse – und werden sich radikal gegen alle stellen, welche dies als gegeben und als Notwendigkeit betrachten. Denn das ist es nicht: Schaut nur, wie gut es die Männer der Kapitalist:innenklasse haben! Ähnliche Methoden und Argumente können für PoCs und queere Menschen wiederholt werden.
6. Wir fordern, dass Betriebe, welche gegen die Gleichstellung verstoßen, ohne Kompensation aus den Händen der Besitzenden entrissen, verstaatlicht und unter Arbeiter:innenkontrolle weitergeführt werden.
7. Wir sind für die volle Selbstbestimmung der Frauen über ihre Körper. Sie dürfen nicht sexistischer und sexualisierter Gewalt ausgesetzt sein, ob physisch oder verbal. Sie müssen fähig sein, alle Kleidungsstücke zu tragen, welche sie wollen – einen Rock, Hidschab oder Mini-Shorts, ohne sexistische oder herablassende Sprüche über sich ergehen lassen zu müssen. Frauen,+ trans Personen (und auch Männer) verdienen eine gebührende Sexualerziehung, welche nicht nur heterosexuellen, sondern auch homosexuellen Sex und transgeschlechtliche Gesundheit umfasst. Das bedeutet auch eine Transformation der Gesundheitsversorgung rundum. Wir brauchen eine öffentliche Einheitskrankenkasse, welche das bedingungslose Recht auf Abtreibung, Menstruationsprodukte, Verhütung und geschlechtsbejahende Pflege umfasst, sowie einen Mechanismus, um gegen Sexismus und Rassismus im Gesundheitswesen anzukämpfen.
8. Für die Ausweitung der demokratischen Rechte, denn alle FINTAs müssen so breit wie möglich Teilhabe an demokratischen Entscheidungen haben! Durch den Ausschluss eines grosszügigen Teils der Arbeiter:innen, v.a. in der Jugend, mit Mitgrationshintergrund oder wegen “Behinderung”, wird die patriarchale Ordnung im System zementiert, welche weisse, männlichgelesene Personen (etc.) privilegiert. Nur durch die Ausweitung des Wahl- und Stimmrechts auf alle Menschen über 16 Jahren, welche hier leben können wir noch im bestehenden System eine merkbare Verbesserung dieser Umstände erreichen. Doch die demokratischen Rechte der Arbeiter:innen müssen noch viel weiter gehen, auch wenn es in der Schweiz vielleicht numerisch ein paar mehr gibt als in anderen Staaten. Es muss auch für die Abwählbarkeit der “Volksvertreter:innen”, die Abschaffung der Privilegien für Politiker:innen und Lobbyist:innen sowie die Abschaffung des Ständerates gekämpft werden.
9. Es ist bekannt, dass die Polizei und das Militär sehr sexistisch, rassistisch und queerphob sind. Diese Institutionen sind unrettbar. Es sind ihre Merkmale unter dem Kapitalismus. Frauen müssen unterdrückt werden, um sie in ihrer Rolle als unbezahlte und über-ausgebeutete Arbeiter:innen zu halten. Diese Institutionen sind faul und müssen komplett abgeschafft werden; angefangen damit, ihre Finanzierung zu kappen. Wir wollen sie ersetzen mit Körperschaften bewaffneter und organisierter Arbeiter:innen: Arbeiter:innenmilizen, welche die Herrschaft des Proletariats durchsetzen und damit eine offene Gegenmacht gegen die Herrschaft der bürgerlichen Polizei und Armee darstellen.
10. Der Kampf für einen feministischen Streik, der zu einem umfassenden politischen Streik gegen die Rentenreform und für andere Forderungen wird, ist ein integraler Teil des Klassenkampfes. Doch um eine solche Perspektive durchzusetzen, müssen wir in den Gewerkschaften und in der Bewegung auch für den Aufbau einer neuen revolutionären Arbeiter:innenpartei als Alternative zu Reformismus und Bürokratie eintreten, die den Kampf für die Frauenbefreiung mit dem für die sozialistische Revolution verbindet.






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